Hiddensees Küstendynamik: Vom Dornbusch zum Bessin
Die Insel Hiddensee ist ein faszinierendes Beispiel für eine lebendige Landschaft. Sie befindet sich in einem ständigen Wandel, getrieben durch die Kräfte der Ostsee. Dieser Prozess lässt sich in zwei gegensätzliche Phänomene unterteilen: den Landverlust im Norden und den Landzuwachs im Osten.
1. Der Norden: Erosion an der Steilküste
Das Hiddenseer Hochland fällt zur Ostsee hin in Form einer beeindruckenden Steilküste ab. Mit Höhen von durchschnittlich 30 Metern (punktuell bis zu 60 Meter) prägt das Kliff den Norden der Insel.
Geologie: Da das Hochland aus losem Geschiebemergel und -lehm besteht, bildet es kein festes Gestein. Dies macht die Küste extrem anfällig für Erdrutsche.
Abtragung (Abrasion): Besonders nach Herbst- und Winterstürmen sowie starken Regenfällen kommt es zu massiven Uferabbrüchen. Die Brandung unterhöhlt den Hang, bis das Material nachgibt.
Wandern am Kliff: Eine Umrundung der Nordspitze am Ufersaum gehört zu den abenteuerlichsten Wanderungen der Insel. Vorsicht: Aufgrund der ständigen Abbruchgefahr und wechselnder Wasserstände erfolgt dies grundsätzlich auf eigene Gefahr.
2. Der Materialkreislauf
Die Wellen rauben der Steilküste stetig Material. Diese Sand- und Sedimentmassen verschwinden jedoch nicht einfach, sondern werden durch die Küstenströmung nach Süden und Osten transportiert. Dort lagern sie sich an strömungsarmen Stellen wieder an und lassen neues Land entstehen – wie etwa den Gellen im Süden oder den Bessin im Nordosten.
3. Der Osten: Die Doppelhalbinsel Bessin
Der Bessin ist eine faszinierende Landzunge, die direkt mit der Nordostspitze Hiddensees verbunden ist. Er gliedert sich in zwei markante Abschnitte:
Altbessin (Entstehung ab ca. 1500)
Charakter: Ursprünglich aus Sandbänken entstanden, die später durch Verlandung mit der Hauptinsel zusammenwuchsen.
Natur: Durch historische Beweidung (Schafe und Rinder) entwickelte sich hier ein wertvoller Trockenrasen. Markante, kahlgefressene Weißdorne erinnern noch heute an diese Zeit.
Erlebnis: Ein Wanderweg führt bis zur Südspitze, wo ein Beobachtungsturm einen weiten Blick über die Boddenlandschaft bietet.
Neubessin (Entstehung ab ca. 1890)
Charakter: Auch als „Jungbessin“ bekannt, wächst dieser Teil durch strömungsparallele Sandanlagerungen stetig weiter.
Schutz: Er ist größtenteils Kernzone des Nationalparks und darf zum Schutz der zahlreichen See- und Zugvögel nicht betreten werden. Eine Ausnahme bildet ein kleiner Strandabschnitt am nördlichen Ende (ab dem Enddorn).
Flora: Da hier keine Beweidung stattfindet, ist der Neubessin dicht mit Sanddorn, Holunder und Schlehen bewachsen.
Ein Nationalpark im Wandel
Der Bessin und die Steilküste sind Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft. Südlich des Bessins schließt sich mit der Bessinschen Schaar ein weites Windwatt an, das bei Niedrigwasser trockenfällt und die Dynamik dieser einzigartigen Boddenlandschaft vervollständigt.
© I Insel Hiddensee 360 I Lars Arnold Photography