Insel der Lichter, Denker und Legenden
Die Insel Hiddensee, das „söte Länneken“, ist weit mehr als nur ein schmaler Streifen Land in der Ostsee. Sie ist ein Ort, an dem die kühle Präzision der Seefahrt auf die emotionale Freiheit der Kunst und die Tiefe der Wissenschaft trifft. Ein Refugium, das seit Generationen Freigeister anzieht.
I. Die Wächter der Küste: Maritime Präzision
Hiddensee wird geografisch von zwei sehr unterschiedlichen Leuchtfeuern eingerahmt, die seit über einem Jahrhundert die Schifffahrt in den anspruchsvollen Gewässern sichern.
Der „Große“ im Norden: Leuchtturm Dornbusch
Erhöht auf dem 72,5 Meter hohen Schluckswiek im Hochland thront das Wahrzeichen der Insel.
Geschichte & Technik: 1888 in Betrieb genommen, wurde der Ziegelbau Ende der 1920er-Jahre mit einem robusten Stahlbetonmantel verstärkt. Aus einer Feuerhöhe von fast 95 Metern strahlt sein Licht ca. 45 Kilometer weit.
Erlebnis: Wer die 102 Stufen zur Aussichtsgalerie erklimmt, blickt bei klarer Sicht bis nach Dänemark.
Der „Kleiner“ im Süden: Leuchtfeuer Gellen
Im Süden, auf der Halbinsel Gellen bei Neuendorf, steht das funktionale Gegenstück: ein Quermarkenfeuer.
Bauweise: Dieser nur 12 Meter hohe „Pintsch-Turm“ aus Berliner Fertigung wurde 1905 aus Eisensegmenten errichtet – ein Musterbeispiel für solide Ingenieurskunst.
Aufgabe: Er markiert die fahrtechnisch tückische Einfahrt zum Gellenstrom und die Route durch den Schaproder Bodden.
II. Geistige Höhenflüge: Das intellektuelle Kloster
Während der Süden der Insel die Arbeit und die Schifffahrt symbolisiert, wurde der Ort Kloster zum Epizentrum für Weltveränderer und Nobelpreisträger.
Gerhart Hauptmann – Der „Dichterkönig“
Ab 1896 verbrachte der Literatur-Nobelpreisträger fast jeden Sommer hier. Seine Villa „Seedorn“ war das intellektuelle Zentrum der Insel.
Das Abschiedsritual: Hauptmann war so eng mit der Insel verwoben, dass er in einem Sack mit Hiddenseer Erde beigesetzt wurde. Sein Grab auf dem Inselfriedhof ist heute ein Ort der Stille und Verehrung.
Albert Einstein – Relativität in der Sommerfrische
In den 1920er-Jahren suchte das Genie der Physik die Abgeschiedenheit von Vitte und Kloster.
Die „Segel-Relativität“: Einstein war ein leidenschaftlicher, wenn auch waghalsiger Segler. Er genoss es, dass ihn die Insulaner schlicht als den „komischen Professor“ sahen, der schweigend am Strand saß und Formeln in den Sand zeichnete, die die Flut kurz darauf wieder löschte. Für ihn war Hiddensee der Ort, an dem die Zeit „relativ“ langsam verging.
III. Die Musen und Freigeister: Das lebendige Vitte
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Fischerdorf Vitte zum Laboratorium der Moderne. Hier traf Stummfilmglanz auf poetische Ausschweifung.
Asta Nielsen & Joachim Ringelnatz im Haus „Karusel“
Die dänische Stummfilmikone kaufte den Rundbau von Max Taut und taufte ihn „Karusel“. Es war ein Ort der radikalen Gastfreundschaft.
Wilde Nächte: Der Dichter Joachim Ringelnatz war hier Stammgast. Fernab der Berliner Etikette tanzte er auf den Tischen und trug seine „Kuttel Daddeldu“-Verse vor. Wenn Gin und Wein flossen, wurde das „Karusel“ zum fröhlichsten und lautesten Ort der Insel.
Käthe Kruse – Inspiration durch Natürlichkeit
Die berühmte Puppenmacherin fand auf Hiddensee die Erdung für ihr Handwerk. Die Schlichtheit der Insel und das unbeschwerte Spiel der Kinder am Strand inspirierten sie zu der Natürlichkeit ihrer weltbekannten Puppen, die sich bewusst vom industriellen Kitsch abhoben.
Gret Palucca – Tanz in der Freiheit
Palucca brachte den modernen Ausdruckstanz in die Dünen. Ihr Haus im Süderende war spartanisch – ohne Strom und Wasser.
Die Bühne Natur: Legendär sind ihre Tänze unter freiem Himmel, bei denen sie Wind und Sand in ihre Choreografien einbezog. Bis zu ihrem Tod 1993 blieb sie der Insel treu; auch sie ruht auf dem Friedhof in Kloster.
© I Insel Hiddensee 360 I Lars Arnold Photography