Goldschatz
Der Hiddensee Goldschmuck ist weit mehr als nur ein archäologischer Fund; er ist das bedeutendste Beispiel wikingerzeitlicher Goldschmiedekunst in Deutschland und ein faszinierendes Zeugnis der engen Verflechtungen zwischen Nord- und Mitteleuropa im 10. Jahrhundert.
1. Die Entdeckung: Ein Geschenk des Meeres
Die Geschichte der Wiederentdeckung liest sich wie ein Roman. In den Jahren 1872 und 1874 suchten gewaltige Sturmfluten die Ostseeküste heim. An der Westküste der Insel Hiddensee, am Strand von Neuendorf, spülten die Wellen den Sand fort und legten ein goldenes Funkeln frei.
Einheimische Fischer fanden die ersten Stücke zufällig im Spülsaum. Insgesamt wurden 16 Einzelteile geborgen, die zusammen ein Gewicht von etwa 600 Gramm reinem Gold aufweisen.
2. Die Bestandteile des Schatzes
Das Ensemble besticht durch seine filigrane Verarbeitung und besteht aus verschiedenen Schmuckstücken, die vermutlich als Set getragen wurden:
Der große Halsring: Ein massiver, aus Golddrähten geflochtener Ring, der als Statussymbol höchster Güte galt.
Die Scheibenfibel: Eine prachtvoll verzierte Brosche, die zum Verschließen von Umhängen diente.
Die 14 Anhänger: Das Herzstück des Fundes. Es handelt sich um kreuzförmige Anhänger, die in ihrer Form einzigartig sind. Sie kombinieren christliche Symbolik (das Kreuz) mit heidnischen Motiven (der Thorshammer).
3. Handwerkskunst und Symbolik
Was den Hiddensee-Schmuck so besonders macht, ist der sogenannte Terslev-Stil. Dieser zeichnet sich durch extrem feine Filigran- und Granulationstechniken aus. Dabei werden winzige Goldkügelchen und hauchdünne Golddrähte auf eine Trägerplatte gelötet.
Die Mischung der Welten
Besonders spannend ist die Ikonografie:
Vogelköpfe: An den Enden der Kreuzarme finden sich stilisierte Raubvogelköpfe, ein typisches Motiv der Wikingerkunst.
Glaubenswechsel: Die Form der Anhänger spiegelt die Übergangszeit wider. Während die Grundform ein christliches Kreuz darstellt, erinnert die wuchtige Unterseite stark an Mjölnir, den Hammer des Gottes Thor. Dies deutet darauf hin, dass der Besitzer oder Schöpfer in einer Welt lebte, in der sich alte nordische Götter und der neue christliche Glaube vermischten.
4. Herkunft: Wer besaß diesen Schatz?
Archäologen sind sich heute weitgehend einig, dass dieser Schmuck nicht auf Hiddensee hergestellt wurde. Die Qualität des Goldes und die Raffinesse der Arbeit deuten auf eine königliche Werkstatt hin.
Die Spur führt zum dänischen König Harald Blauzahn (Harald Blåtand). Man vermutet, dass der Schmuck im Umfeld seines Hofes entstand, etwa zwischen 950 und 980 n. Chr. Wie der Schatz nach Hiddensee kam – ob durch ein Schiffsunglück, als Raubgut oder als absichtliche Vergrabung in einer Notsituation – bleibt bis heute eines der großen Rätsel der Insel.
5. Wo kann man ihn heute sehen?
Der originale Goldschmuck befindet sich heute im Kulturhistorischen Museum in Stralsund. Er ist das Prunkstück der dortigen Ausstellung.
Auf der Insel Hiddensee selbst, im Heimatmuseum in Kloster, kann man eine originalgetreue Nachbildung bewundern. Da der Schmuck so ikonisch ist, wurde er oft kopiert; Repliken der Anhänger sind bis heute beliebte Souvenirs und Schmuckstücke für Besucher der Region.
Zusammenfassung
Der Hiddenseer Goldschmuck ist ein „Meisterwerk der frühen Globalisierung“. Er vereint skandinavische Ästhetik mit mediterranen Handwerkstechniken und erzählt die Geschichte einer Ära, in der Gold nicht nur Reichtum, sondern auch göttliche und weltliche Macht repräsentierte.
© I Insel Hiddensee 360 I Lars Arnold Photography